Erfahrungsbericht |Geburt

Wassergeburt
­

Die großen Ereignisse im Leben haben viele Geschichten. Sie schreiben sich immer wieder neu. So hat auch eine Geburt etliche Versionen. Die Version von direkt nach dem freudigen Ereignis klingt garantiert anders, als die ein Jahr später, findet Anna (30), die vor einem Jahr Mutter wurde.

“Nach 34 Stunden im Kreißsaal, war die Geburt meines ersten Sohnes weder schön noch schrecklich, sondern einfach eines: vorbei. Und als mein Mann am nächsten Tag sagte, er wünsche sich nun auch eine Tochter, konnte ich nicht mal mehr lachen. Es war doch wohl vollkommen klar, dass ich so etwas nie, nie wieder machen würde.

Dabei war die Geburt nicht außergewöhnlich. Zunächst ein Blasensprung ohne Wehen, dann eingeleitete Wehen mit Tropf, weil ich den Kaiserschnitt partout nicht wollte, und dann eben einen Tag später doch die Notoperation, weil der Puls des Kleinen runterging. Was ich nicht wusste: Der Wehentropf ist in Wahrheit ein Folterinstrument. Er beschert Wehen, die von jetzt auf gleich hammerhart und übernatürlich sind, das bestätigen alle, die den Vergleich haben. Als ich diese Wehen hatte, wusste ich, dass ich noch nie zuvor Schmerz erfahren hatte. Sofern ich überhaupt noch denken konnte.

Die großen Dinge im Leben sind körperlich. Geburt, Sex, Tod. Und weil sie so primitiv und banal sind, reden wir nicht darüber. Als ich im Kreißsaal lag, bereute ich das. Ich hatte nie mit Müttern geredet, wirklich geredet, wie das ist. Es wäre schön gewesen, sich auf diesen großen Tag besser vorzubereiten. Richtig atmen lernen zum Beispiel. Das Wichtigste habe ich dann auf die harte Tour gelernt. Nämlich dass es unmöglich ist, gegen den Schmerz zu atmen. Dagegen kommt man nicht an. Die einzige Chance ist, aufzugeben. Sich von der Wehe treiben zu lassen, sie zu reiten wie eine Welle. Sich fallen zu lassen, und auf den Körper zu vertrauen. Das ist schwer, weil es neu ist. Es ist das Gegenteil von allem, was wir Tag für Tag üben, Kontrolle und Disziplin über uns selbst. Aber Leben zu geben ist eben so viel größer als wir selbst.

Mein Sohn ist gerade ein Jahr alt geworden. Heute ist meine Geburtsgeschichte eine ganz andere. Ich erinnere mich an die Liebe, die ich für meinen Mann empfand, dafür, dass er dabei war. Ich erinnere mich, wie ich dachte, dass ich das ohne ihn nicht überstanden hätte, und wie dankbar ich war. Ich erinnere mich an den kleinen Wicht, den man mir brachte, dieses blaue Geschöpf, dem ich pflichtschuldig einen Kuss gab, weil ich dachte, dass man das wohl macht, wenn man sein Kind begrüßt. Ich erinnere mich, wie fremd er mir war. Ich konnte nicht fassen, dass er tatsächlich aus mir gekommen war. Vor allem aber erinnere ich mich an den einzig wirklich originalen Ton, den ich je gehört habe und wahrscheinlich je hören werde. Es ist der einzige echte Ton dieser Welt. Der erste Schrei meines Kindes. Dieser Ton hat mich im Leben verankert.”

Tags: Wehen, Kreißsaal, Entbindung, Kaiserschnitt, Blasensprung, Geburt, Erfahrungsbericht, Erfahrungsbericht, Geburt

Gewinnspiele und Gutscheine